Zweirad-Reifen

Worauf es beim Frühjahrs-Check fürs Motorrad ankommt

Die Tage werden wieder länger, sonniger und wärmer. Zeit also, das über die kalte Jahreszeit eingestellte Motorrad aus dem Winterschlaft zu holen. Wir zeigen Euch anhand eines praktischen Beispiels, worauf man beim Frühjahrs-Check, insbesondere bei den Reifen, achten soll.

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Unser Motorrad beim Frühjahrscheck

Wird das Motorrad zum ersten Mal nach mehreren Monaten wieder aus der Garage geholt, dann sollte man sich zunächst etwas Zeit für einen umfassenden Check nehmen, damit man unbeschwert und vor allem auch sicher unterwegs ist. Flüssigkeitsstände von Öl und Bremsflüssigkeit sollten überprüft werden, ebenso der Säurestand in der Batterie, sofern man nicht mit einer wartungsfreien Gelbatterie unterwegs ist. Die Batterie war idealerweise über den Winter abgeklemmt und muss nun wieder angeklemmt werden Eventuell kann auch das Wiederaufladen mit einem externen Ladegerät erforderlich sein. Bei besonders langen Stehzeiten über die kalte Jahreszeit empfehlen Profis auch den Ausbau der Batterie und regelmäßige Zwischenladungen. Dann der Blick auf die Prüfplakette – ist diese noch gültig? Wenn nicht drohen mitunter empfindliche Strafen.

4-Punkte-Reifen-Check: Druck, Profiltiefe, Rissigkeit und Alter

„Am wichtigsten ist einmal, dass man den Reifendruck kontrolliert, denn über den Winter fällt dieser meistens ab“, erklärt Stefan Lurf, Geschäftsführer der Werkstätte Lurf Automobilhandwerk. „Außer man hat schon vorgesorgt und den Reifendruck vor dem Einwintern erhöht, um einen sogenannten ‚Stehplatten‘ zu vermeiden.“ Wenn das Motorrad einen Hauptständer hat, dann wäre es ratsam, diesen auch zu benutzen, um die Reifen zu entlasten – insbesondere bei langer Stehzeit.

© Ludwig Fliesser

Stefan Lurf kontrolliert die Profiltiefe mit der Schublehre: 3,5 mm vorne sind mehr als ausreichend

Dann sollte man den Reifen selbst begutachten. Ist das Profil noch in Ordnung? „Die Mindestprofiltiefe des Reifens bei Motorrädern beträgt 1,6 Millimeter, wobei es ratsam ist, schon weit davor den Reifen zu wechseln“, sagt Lurf. Hat der Reifen Risse? Wenn ja, dann gehört er unbedingt gewechselt. Und dann bleibt noch die Frage, wie alt der Reifen ist! Das Produktionsdatum ist seitlich im Gummi eingraviert. Vier Ziffern an der Profilwand geben die Woche und das Kalenderjahr der Produktion an. Selbst wenn das Profil noch in Ordnung ist und der Reifen keine Risse hat, wird der Gummi nach einigen Jahren hart. Ein wenig kann man das sogar ertasten, die Lauffläche fühlt sich rutschig und glasig an. Die Einschätzung ob der Reifen noch taugt oder nicht gestaltet sich aber schwierig. „Merken tut man das erst dann, wenn es schon zu spät ist und man die Haftung verliert. Der Reifen rutscht dann natürlich früher“, sagt Lurf. Darum gehören alte Reifen im Zweifelsfall getauscht, insbesondere bei einem Motorrad. Denn hier kann ein Ausrutscher nicht nur teuer werden, sondern jeder Unfall geht auch mit einem hohen Verletzungsrisiko einher. Von Reifenkonservierungsflüssigkeiten und -sprays rät der Experte übrigens ab: „Bei Motorradreifen würde ich sowas unbedingt unterlassen, weil die Oberfläche dadurch noch rutschiger wird. Bei der ersten Ausfahrt mit einem Konservierungs- oder Reifenglanzmittel wird das Ganze dann zu einer gefährlichen Mischung“, sagt Lurf.

© Ludwig Fliesser

Das Produktionsdatum ist in der Seitenwand eingraviert. "2208" bedeutet 22. Woche im Jahr 2008

Reifencheck Praxisbeispiel

Erst kürzlich haben wir eine alte Honda PC 17 erstanden, auch bekannt als CB 450, Baujahr 1986. Der Oldtimer stand lange in der Garage, wann die Reifen das letzte Mal gewechselt wurden, daran konnte sich der Vorbesitzer nicht mehr erinnern. Wir fahren also an die Tankstelle und überprüfen den Reifendruck im kalten Reifen – das ist wichtig, denn wie alle Reifen heizen sich auch Motorradreifen während der Fahrt auf. Idealerweise misst man den Fülldruck daher gleich nach dem Wegfahren, wenn der Reifen die Betriebstemperatur noch nicht erreicht hat. In unserem Fall ist der Druck auf unter 1 bar abgefallen, vorgeschrieben sind 2,5 bar vorne und 2,8 bar hinten. Um das herauszufinden bedarf es allerdings einer Recherche im Internet, denn wir haben keine Bedienungsanleitung und sonst ist der korrekte Reifendruck nirgends am Motorrad angeschrieben (manchmal finden sich die Angaben unter dem Sattel). Vorsicht allerdings bei der Quelle, wir haben unterschiedliche Angaben zum korrekten Reifendruck unseres Fahrzeugs im Internet gefunden, die erheblich voneinander abweichen!

Als nächstes checken wir die Lauffläche: Es gibt keine Risse und auch die Profiltiefe beträgt, gemessen mit der Schublehre, noch 3,5 mm vorne und 5,8 mm hinten. An der Seitenwand des Pneus ist das Produktionsdatum „2208“ eingraviert. Das bedeutet, der Reifen ist aus Woche 22 des Jahres 2008 und damit bereits mehr als zehn Jahre alt. Das Profil hat zwar keine Risse, aber spätestens nach fünf Jahren gehören Motorradreifen gewechselt. Abhängig von den Bedingungen kann der Reifenwechsel auch schon viel früher fällig werden. Besonders schlecht für die Gummimischung ist zum Beispiel starke UV-Einstrahlung oder permanente Belastung. Daher gilt: das Motorrad wenn möglich auf dem Hauptständer parken, idealerweise in der Garage oder unter einem Vordach, zumindest aber im Schatten.

In unserem Fall können wir schon mit dem Finger fühlen, dass die Lauffläche des Pneus kaum noch Grip hat. Der Reifen gehört damit so schnell wie möglich getauscht, denn beim Bremsweg geht es um jeden Zentimeter – einen reinen Blechschaden gibt es bei Motorradunfällen meistens nicht!

© Ludwig Fliesser

(v.l.) Stefan Lurf, Geschäftsführer Lurf Automobilhandwerk, und Mechaniker Jimmy Mierzwa

Motorradreifen Langzeittest startet

Wir überlegen also, welche Neureifen wir an unserer Honda PC 17 für einen Langzeittest aufziehen wollen. Eines ist klar: es muss ein Premiumreifen sein, also sicher kein unbekannter NoName-Pneu. Der Grund dafür: Bekannte Marken haben nicht nur die nötigen Finanzmittel und Einrichtungen für eine fundierte Forschung und Produktentwicklung, sie haben auch einen Ruf zu verlieren. Ein Premiumhersteller kann es sich schlicht und einfach nicht erlauben, Reifen mit signifikanten Schwächen auf den Markt zu bringen.

Die Anforderungen an unseren Reifen sind klar definiert: wir wollen mit unserem Oldtimer keine Rennen gewinnen und werden auch kaum ins Gelände ausreiten. Gesucht wird also ein solider, sicherer Reifen für den alltäglichen Einsatz in der Stadt und auf Überlandstraßen. Wir entscheiden uns für den Battlax BT-45 Touring der Marke Bridgestone. Unter www.bridgestone.at  geben wir im Reifenfinder unsere Modelldaten ein und erhalten prompt die passenden Reifengrößen für unser Fahrzeug. Ein kurzer Abgleich mit dem Zulassungsschein: die Daten stimmen überein. Über die Online-Händlersuche gelangen wir schließlich zu unserem Reifenpartner – in diesem Fall die Firma Lurf Automobilhandwerk. Die Pneus werden bestellt und getauscht, wobei der Monteur äußerst sorgsam vorgeht. „Bei Motorradreifen geht es um Leben und Tot. Deshalb braucht man Ruhe beim Arbeiten und man muss sich Zeit lassen – man darf keine Fehler machen“, weiß Jimmy Mierzwa, Mechaniker der Firma Lurf.

© Ludwig Fliesser

Das Vorderrad wird abmontiert

Motorrad-Reifenwechsel im Detail

Das Motorrad wird aufgebockt und mit speziellen Standbügeln vorn und hinten gesichert. Vorne werden die Bremsen abgeschraubt und ausgehängt, dann die Steckachse entfernt und das Rad abgenommen. Die Luft wird abgelassen und der Reifen mit einer Pneumatik-Maschine durch behutsamen Druck in Vierteldrehungsschritten von der Felge gelöst. Dann wird der alte Reifen an der Felgenkante mit Reifenpaste eingeschmiert und bei langsamer Rotation vorsichtig von der Felge geschält. Wer hier mit Gewalt arbeitet und beispielsweise das Montagewerkzeug als starken Hebel benutzt,  der riskiert, die empfindliche Dicht-Oberfläche der Felge zu beschädigen. Das kann in der Folge zu Luftverlusten beim Neureifen führen.

Nach Abnahme des Altreifens wird die Felge innen gründlich gerreinigt

Nachdem Mechaniker Jimmy den Altreifen entfernt hat, wird die Felge im Dichtbereich zunächst gründlich gereinigt. Dann wird der Neureifen mit Reifenpaste beschmiert, damit er leichter auf die Felge rutscht und unter leichter Rotation aufgezogen. Bevor das Rad wieder montiert wird, kommt es in die Wuchtmaschine. Diese zeigt an, an welcher Stelle ein Ausgleichsgewicht angebracht werden muss, damit der Reifen wirklich rund läuft. Nachdem auch das erledigt ist, geht es wieder an die Montage: Reifen rauf, Steckachse durch, Bremsen wieder eingehängt und angeschraubt.

© Ludwig Fliesser

der neue Reifen wird aufgezogen

Die Demontage und Montage des Hinterreifens erfolgt analog zum Vorderrad, nur dass sich der Ausbau des Rades etwas schwieriger gestaltet: hier muss nämlich auch die Antriebskette ausgehängt und der Zahnkranz abgenommen werden. Es empfiehlt sich in gewissen Situationen, beim Aus- und Einbau des Rades, eventuell zu zweit zu arbeiten, wobei eine Person das Motorrad gegen mögliches Umfallen sichert. Unsere Maschine wiegt zwar „nur“ 185 Kilogramm, aber wenn sie von der Hebebühne auf den Monteur kippt, könnte das schwerste Verletzungen zur Folge haben.

© Ludwig Fliesser

Zwei Wuchtgewichte werden platziert. Die Maschine zeigt an, wo und wie schwer diese sein müssen

Nach abgeschlossener Montage wird noch der korrekte Reifendruck eingestellt und es kann losgehen. 5 mm Profiltiefe messen wir beim Neureifen vorne, 7 mm hinten – unser Reifentest kann also gleich mit Vollgas beginnen. Oder doch nicht? Nein, denn – ACHTUNG – die ersten Kilometer mit einem neuen Reifen sollten sehr vorsichtig gefahren werden, bis die oberste Transportschutzschicht des Neureifens abgefahren ist, erinnert uns der Mechaniker. Wir bedanken uns und starten los.

© Ludwig Fliesser

Der fertige Reifen ist montiert nun werden die Bremsen wieder angeschraubt