Interview

Wie Fahrerassistenzsysteme das Flottengeschäft umkrempeln

Die meisten Menschen wollen buchstäblich nur ungern das Lenkrad aus der Hand geben, doch gerade für Vielfahrer erhöhen Fahrerassistenzsysteme den Fahrkomfort deutlich. Doch welche Auswirkungen hat der zunehmende Einbau von FAS auf Werkstätten und das Fuhrparkgeschäft?

Mit der Vorstellung des Antiblockiersystems (ABS) im Jahr 1978 begann die Ära aktiver Fahrerassistenzsysteme (FAS), die direkt in das Fahrgeschehen eingreifen können. Gegenwärtig werden grundlegende Assistenzsysteme wie ABS, ESP (Electronic Stability Program) oder ACC (Adaptive Cruise Control) mit einer Vielzahl weiterer nützlicher Systeme ergänzt – darunter Tempomat, akustische Einparkhilfe, Abstandregeltempomat, Spurhalteassisstent und Müdigkeitsassistent.

Die Weiterentwicklung der Fahrerassistenzsysteme soll in weiterer Konsequenz das automatisierte Fahren ermöglichen. Wo das stellenweise bereits möglich ist, wird an einem vollumfassenden automatisierten Fahren - in allen nur erdenklichen Mobilitätssituationen - intensiv geforscht. Doch es muss gar nicht so weit nach vorne gedacht werden, um bereits deutliche Veränderungen feststellen zu können, die durch Fahrassistenzsysteme angestoßen wurden und weiter werden.

Neben einem Plus an Sicherheit für Fahrer und Mitfahrer stellen Fahrassistenzsysteme Fahrer, Fuhrparkleiter, Versicherer und Karosseriewerkstätten vor neue Herausforderungen bei der Abwicklung von Kfz-Schäden. FIRMENWAGEN hat sich mit Patrick Vierveijzer, Strategischer Berater bei der niederländische Tech-Firma Fixico, eine der größten Online-Plattformen für Autoreparaturen in Deutschland, den Niederlanden und Belgien über das Thema unterhalten. Der Strategische Berater gibt eine Hilfestellung für eine bessere und effizientere Reparaturabwicklung bei Fahrzeugen mit Fahrerassistenzsystemen:

1. Anfälligkeit der FAS-Sensoren

FAS-Sensoren sind oftmals an Stellen in der Verkleidung und in Teilen des Fahrzeugs eingebaut, die bei einer Kollision schnell betroffen sind. Dazu gehören Stoßfänger, Windschutzscheiben, Reifen und Seitenspiegeln. Bei einem Schaden genügt es deshalb nicht, diese Teile einfach zu reparieren oder sie auszutauschen. Die Sensoren benötigen zusätzlich besondere Aufmerksamkeit, um ihr einwandfreies Funktionieren zu gewährleisten.

2. Einsatz von Originalteilen des Herstellers

Müssen Teile mit eingebauten FAS ersetzt werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Ersatzteil vom Originalhersteller (OEM) kommen muss. Denn anders als serienmäßig produzierte Aftermarket-Teile werden OEM-Komponenten speziell für ein spezifisches Fahrzeug hergestellt. Aufgrund verschiedener Faktoren (z.B. Weiterentwicklung einzelner Teile durch die Automobilhersteller, FAS als Zusatzoption usw.) ist es für eine Karosseriewerkstatt sehr schwierig, sich auf jedes Automodell und FAS einzustellen. Die beste Option für eine Werkstatt ist deshalb oftmals, sich auf (teurere) OEM zu verlassen, um die perfekte Passform für das Fahrzeug zu gewährleisten. Zudem benötigen einige OEM spezielle Diagnoseinstrumente und Spezialisten, die Erfahrung im Umgang damit haben. Die Kosten für solche Reparaturen sind natürlich höher und nicht jede Werkstatt hat Zugang zu allen notwendigen OEM-Ressourcen.

3. Die Relevanz der Kalibrierung

Die Kalibrierung der FAS muss professionell durchgeführt werden, damit das System in einer Gefahrensituation rechtzeitig (also frühzeitig) reagiert. Dieser Prozess bringt je nach Art des FAS eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich. Einige Hersteller haben strenge und komplizierte Auflagen in Bezug auf die Kalibrierung bestimmter FAS. Für Sensorkalibrierungen müssen die Werkstätten deshalb in eine Reihe verschiedener Werkzeuge und Schulungsmaßnahmen investieren. All das führt zu längeren Reparaturzykluszeiten, was sich ebenfalls in höheren Kosten niederschlägt.

4. Zusätzlicher Platzbedarf

Ein weiterer Grund für zusätzliche Kosten sind die Ausgaben für die benötigte Arbeitsumgebung, denn für eine korrekte FAS-Kalibrierung gibt es auch hier weitere Regeln und Richtlinien. So darf etwa der Boden keine reflektierende Oberfläche besitzen und Sonnenlicht darf nur begrenzt durch Fenster einfallen, um eine exakte Funktionsprüfung der Sensoren zu gewährleisten. 

Richtig für die Zukunft rüsten

Die Fortschritte der FAS-Technologie sind kein vorübergehender Trend. Ganz im Gegenteil: Die Europäische Kommission hat die Verordnung über den erforderlichen FAS-Anteil in allen ab 2022 produzierten Fahrzeugen eingeführt, in der Hoffnung, die Zahl der durch menschliches Versagen verursachten Todesfälle und Verletzungen zu reduzieren.

In nur wenigen Jahren wird so die Zahl der mit FAS ausgerüsteten Fuhrparks in Europa drastisch ansteigen, komplexe Reparaturen werden häufiger vorkommen und die dazugehörigen Kosten könnten exponentiell ansteigen. Laut Daten, die von Fixico zwischen 2016 und 2019 erhoben wurden, waren die durchschnittlichen Kosten für Stoßstangenreparaturen bei Fahrzeugen mit FAS um 44% teurer als bei Fahrzeugen ohne FAS.

Unternehmen sollten sich daher für die bevorstehenden Veränderungen rüsten und Folgendes im Voraus erledigen:

Schritt 1: Alle Anforderungen an das Fahrzeug kennen

Lernen Sie alle Besonderheiten und Anforderungen aller Fahrzeuge Ihres Fuhrparks kennen. Dadurch lässt sich die Suche nach einer geeigneten Werkstatt erheblich verkürzen, denn nicht alle Karosseriewerkstätten sind in der Lage, jede Reparatur durchzuführen.

Schritt 2: Möglichkeiten innerhalb des Netzwerks kennen

Nachdem Sie im ersten Schritt die Anforderungen des Fahrzeuges identifiziert haben, ist es wichtig, die Reparatur der am besten geeigneten Karosseriewerkstatt zuzuweisen. Wenn Sie genau wissen, welche Werkstatt am besten zu Ihnen passt, können Sie hier viel Zeit und Kosten sparen.

Schritt 3: Den Abwicklungsprozess digitalisieren

Fuhrpark- und Schadenmanager können von der Umstellung auf digitale Lösungen wie jener von Fixico stark profitieren, da sie nicht mehr manuell nach einer geeigneten Karosseriewerkstatt suchen müssen. Damit können Sie Zeit und Geld sparen.

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Zu den Fahrerassistenzsystemen (FAS) zählen auch jene Assistenzsysteme, die dafür sorgen, dass das Fahrzeug nicht mehr fährt, wie die (automatische) Einparkhilfe. 

FIRMENWAGEN: Fahrerassistenzsysteme sind gut, um die generelle Verkehrssicherheit zu erhöhen, zudem erhöhen sie den Fahrkomfort enorm. Allerdings sie schlagen sich auch in den Kosten nieder. Mit welchen Auswirkungen haben Kunden bei der Finanzierung eines Leasingwagens zu rechnen, wenn sie sich für ein gut ausgestattetes Modell mit FAS entscheiden bzw. welchen Einfluss haben FAS auf die Berechnung der Leasingrate bzw. die Betriebskosten solcher Fahrzeuge? 

Patrick Vierveijzer: Ich glaube, dass es sich um eine unvermeidliche Verschiebung im Markt handelt. Im Allgemeinen bedeutet das Leasing eines Fahrzeugs ja, ein neueres Modell zu fahren und alle damit einhergehenden Vorteile zu genießen. Dazu gehören weniger Wartung, eine bessere Kraftstoffeffizienz, geringere Abgasemissionen und ‒ dank FAS ‒ mehr Sicherheit. Viele dieser neuen Sicherheitstechnologien werden ab 2022 nach einem Beschluss des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 2019 in allen europäischen Neuwagen Pflicht sein. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass sich mit Fahrerassistenzsystemen ausgestattete Fahrzeuge schnell von einem luxuriösen Schaufenster des technologisch Möglichen zum neuen Standard auf den Straßen entwickeln werden. Generell könnten die Preise für neue Fahrzeuge steigen. Die Betriebskosten werden jedoch niedriger sein. Aus der Fixico-Perspektive könnten Schäden am Auto seltener auftreten, die einzelnen Reparaturen werden aber teurer. 

FIRMENWAGEN: Könnten Sie mir zu Fixico noch ein paar Inside-Facts zukommen lassen? Wie kann Fixico bei einer effizienteren Reparaturabwicklung bei Fahrzeugen mit Fahrerassistenzsystemen konkret helfen – welche Vorteile bieten sich hier ganz konkret für Fuhrparkleiter. Profitieren andererseits auch Werkstätten von Ihrem Angebot?

Patrick Vierveijzer: Seitdem Autos so fortschrittlich sind, ist die Reparatur von Fahrzeugschäden viel komplizierter geworden. So sind zum Beispiel traditionelle Reparaturmethoden nicht immer auf Leichtbauwerkstoffe anwendbar, die Reparatur von Elektrofahrzeugen ist mit strengen Sicherheitsmaßnahmen verbunden und die empfindlichen FAS-Sensoren erfordern eine sorgfältige Kalibrierung. Infolgedessen ist es schwieriger geworden, Reparaturen an die richtigen Karosseriewerkstätten zu vergeben. Viele Werkstätten haben damit begonnen, ihren Fokus einzugrenzen, indem sie sich spezialisieren und in Schulungen, Ausrüstung und Einrichtungen investieren. 

Die Fixico-Plattform ist so konzipiert, dass sie die optimale Reparaturlösung identifiziert, indem sie auf intelligente Weise die Reparaturanforderungen mit den Fähigkeiten und dem Fachwissen der Karosseriewerkstätten innerhalb des Netzwerks abgleicht. Auf diese Weise identifiziert Fixico Werkstätten, die fähig und zertifiziert sind, die Reparatur durchzuführen. Dabei werden kundenspezifische Kriterien wie Verfügbarkeit, Preis, historische Performance, Entfernung oder OEM-Anforderungen berücksichtigt.