Future Mobility

Das sind die Vorreiterregionen für automatisiertes Fahren

Ein von der Daimler und Benz Stiftung gefördertes, interdisziplinäres Forschungsprojekt der TU Wien beschäftigt sich mit den Potenzialen und Nachteilen automatisierten Fahrens für Regionen und Städte in Europa und auf der ganzen Welt.

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Zahlreiche Großstädte leiden unter Verkehrsproblemen - automatisiertes beziehungsweise autonomes Fahren könnte ein hilfreiches Mobilitätskonzept sein.  

Global betrachtet, entwickelt sich die Automatisierung innerhalb der Mobilität in ganz unterschiedlicher Geschwindigkeit. Da ist es schlichtweg nicht verkehrt, einen Blick über die Landesgrenzen zu wagen, sei es nur, um den eigenen Horizont zu erweitern. Avenue21, ein Projekt des Instituts für Raumplanung an der TU Wien, wagt diesen Schritt und beschäftigt sich mit dem Thema, wie sich Europas Städte durch das autonome Fahren entwickeln und was überhaupt die absehbaren Auswirkungen des automatisierten und vernetzten Verkehrs sind.

In einem Vortrag wurde das vergangene Woche auf der Veranstaltung „Systemwirkungen automatisierter Mobilität“ im BMVIT thematisiert. „Es gibt einen sehr spannenden globalen Diskurs“, eröffnete Ian Banerjee, einer der leitenden und mit diesem Thema gut vertrauten Wissenschaftler von Avenue21. Womit er nicht unrecht haben dürfte, denn Stakeholder gibt es viele, die sich für Erkenntnisse auf diesem noch recht "szenarienhaften" Gebiet sehr interessieren.

So denkt sich so gut wie jeder Automobilhersteller ein eigenes Szenario aus, wie die Mobilität der Zukunft aussehen könnte und richtet sogar die weitere Unternehmensstrategie danach aus. Im Kern ähneln sich die Szenarien dann aber doch: Komplett automatisierte Fahrzeuge stehen mit Mensch und Umgebung in ständiger Verbindung - neueste Technologien sollen es möglich machen. Doch extremer Positivismus trifft auch auf extreme Kritik, wie Banerjee in seinem Vortrag festhält. Hier prallen nicht selten die Ansichten träumerischer Technologie-Fetischisten an jene extrem visionsbefreiter Hardliner, die die konservativen Mobilitätsformen keinesfalls verdrängt sehen wollen. 

Positive wie auch negative Potenziale zu reflektieren, steht im Forschungsinteresse von Avenue21. Gefördert wird das Forschungsprojekt, über die internationale Entwicklung automatisierter Mobilität, von der Daimler und Benz Stiftung. Es ist auf eine Laufzeit von zwei Jahren ausgelegt und wird mit finanziellen Mitteln von rund 440.000 Euro pro Jahr ausgestattet. Die Projektergebnisse sind an Entscheidungsträger in Städten und in den Regionen adressiert, doch gerade auch der Diskurs mit einer breiten Öffentlichkeit ist ein wesentliches Anliegen des Forschungsprojekts.

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Sieht so die Zukunft der Mobilität aus? Das TU-Forschungsprojekt Avenue21 beschäftigt sich mit Potenzialen und Nachteilen autonomen Verkehrs auf Regionen und Städte. 

Aufgebaut ist Avenue21 in umfassender Weise, denn es müssen neben einer technischen und raumplanerischen auch noch weitere Perspektiven berücksichtigt werden - etwa eine soziologische oder psychologische. „Können wir von internationalen Vorreiterregionen lernen?“, fragt Banerjee in den Raum. Dabei hat er die Frage eigentlich bereits beantwortet, denn immer mehr Stadtregionen beteiligen sich an einem globalen Wettlauf, der das Ziel hat, seinen Einwohnern die beste Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Hierbei stehen die Forschung, Entwicklung und Erprobung von autonomen Fahrzeugen im Vordergrund.

Warum sie das tun und wie sie sich für eine praxisorientierte Erprobung und alltagsweltliche Umsetzung einsetzen, möchte das Forscherteam herausfinden. Aus raumplanerischer Sicht soll in einem weiteren Schritt das Zusammenspiel von elektrischen Fahrzeugen und den langfristigen Entwicklungsplänen für die Stadt- und Verkehrsplanung untersucht werden. Gezielt werden dazu Diskussionen mit Experten geführt. „Später sollen sogenannte Road Maps, also Handlungspläne entstehen, nach denen Entscheidungsträger ihre Schritte ausrichten können.

Im Fokus stehen zunächst drei europäische Metropolregionen. Untersucht werden die Städte Wien, London und die Randstad, ein Ballungsgebiet im Westen der Niederlande, das rund 20 Prozent der Landesfläche einnimmt. Die Entscheidung, welche Vorreiterregionen beziehungsweise Städte zudem betrachtet werden, fiel Banerjee und seinem Team übrigens nicht leicht. Schließlich wurde sich für Gebiete entschieden, die das autonome Fahren bereits fördern oder sehr weit sind: San Francisco, Tokio und Singapur.

In Europa kam auch noch die schwedische Stadt Göteborg dazu. China hat bereits heute den größten Bestand an Elektroautos weltweit, in rund 20 Jahren wird das nicht viel anders sein, prophezeit Banerjee. Jedoch sei es besonders schwer an Experten und Daten aus China zu kommen. „Das Land ist wie eine Blackbox“, so der Forscher. Zu einem späteren Zeitpunkt des Projekts sollen es bereits bis zu 20 Regionen sein, die das interdisziplinäre Forscherteam untersuchen will.

„Es liegt uns daran, die Wirkungsbeziehungen von autonomem Fahren und Stadt nicht auf einem weißen Blatt oder in stark reduzierender Vereinfachung zu sehen, sondern von konkreten lokalen Bedingungen auszugehen“, betont Mathias Mitteregger von der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien. „Wir analysieren, wie sich die breite Anwendung digitaler Verkehrstechnologien auf das städtische Leben beziehungsweise auch auf das Verhältnis zwischen Stadt und Umland auswirken“, so der Projektkoordinator. Dabei gehe es sowohl um bauliche Strukturen als auch um die Frage, wie sich der grundlegende Wandel durch das autonome Fahren auf das gesellschaftliche Gefüge des öffentlichen Raums auswirken kann.

Die Besonderheiten der Vorreiterstädte im Überblick 

San Francisco

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San Francisco ist mittlerweile zu einer der teuersten Städte der Welt geworden. Es beheimatet im Silicon Valley bekannte „Tech Giants” wie Google, Apple oder den E-Autobauer Tesla, die allerhand disruptive Technologien testen wollen - insbesondere im Bereich des automatisierten beziehungsweise autonomen Fahrens. Geprägt ist das urbane Bild von einem massiven Wohnhausmangel und einem fragmentierten öffentlichen Verkehrssystem, das nicht nur ökonomisch schwache, sondern auch behinderte Menschen benachteiligt und einschränkt. Dabei dominiert ein ungleiches Wachstumsmuster. Ein Mobilitätskonzept könnten etwa Dienstleister sein, die autonome Fahrzeuge anbieten um Personen von A nach B zu befördern. 

London

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London verfügt über eine rasant wachsende Bevölkerung. Auf zentralen Verkehrsrouten kommt es zu einer zunehmenden Staubildung. Es besteht eine akute Notwendigkeit das schnelle städtische Wachstum durch Dezentralisierung zu lenken. Dadurch werden die Bereiche um London immer wichtiger. Die Erwartungen an technisch- ökonomische Vorteile als wichtigster Treiber für Investitionen in Forschung, Entwicklung und Anwendung nehmen zu. Gleichzeitig herrscht eine sich verschärfende soziale Ungleichheit in der Millionenstadt.

Göteborg

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Die schwedische Stadt Göteborg sieht sich einem bemerkenswerten Bevölkerungswachstum ausgesetzt. Das führt aber auch zu wachsender Ungleichheit. Aktuell herrscht laut Banerjee ein gravierendes Problem mit dem öffentlichen Verkehrssystem. Sie ist die Stadt, mit dem größten Hafen Skandinaviens. Die Wirtschaft ist im Aufwind und fordert neue Arten von urbanen Kommunikationsräumen, die sozio-ökonomische Kontakte fördern sollen. Göteborg verfügt auch über ein Cluster von Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Automobilindustrie - etwa die Volvo-Gruppe. Entsprechend groß sind die Erwartungen durch Investitionen in Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet. 

Singapur

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Singapur leidert unter akuter Land- und Ressourcenknappheit, wächst aber kontinuierlich weiter. Es gibt eine steigende Forderung der Bevölkerung nach besseren Mobilitätsmöglichkeiten. Eine Herausforderung ist der Neu- beziehungsweise Ausbau von Stadtgebieten. Gravierend wirkt sich der Mangel an Facharbeitskräften aus, die dazu benötigt werden, die globale Wettbewerbsfähigkeit weiter auszubauen. Singapur muss weiterhin umfassend in technologische und soziale Entwicklungen investieren - zum Beispiel autonomes Fahren.

Tokio

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Die japanische Stadt sieht sich einer dramatisch schrumpfenden und alternden Bevölkerung ausgesetzt. Heute sind 28 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt, bis 2050 wird diese Zahl fast 40 Prozent erreichen, wie die eine Studie aus 2017 zeigt. Bis 2060 wird erwartet, dass die Bevölkerung in den meisten Verwaltungsbezirken um 50 bis 70 Prozent abnehmen wird. Ein stagnierendes Wachstum charakterisiert die Wirtschaft sowie ein akuter Arbeitskräftemangel. In Tokio ist eine große Automobilindustrie angesiedelt. In den Bereichen Technologie und Wissenschaft gibt es umfangreiche Innovationsprogramme. Für den ländlichen Raum wären autonome Fahrzeuge eine Mobilitätsoption für ältere Menschen. Ihr Anteil in den Vororten der Stadt und in ländlichen Gebieten wächst überproportional. 2020 finden in Tokio die olympischen Spiele statt, automatisierte Fahrzeuge sollen im Zuge dessen bereits verkehren.

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