Corona-Krise

Das Autokino als Gemeinschaftserlebnis mit Abstand

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© Thomas Reimer - stock.adobe.com

Für Autofans klingt es wie ein wahr gewordener Traum: Kino-Feeling im eigenen Autositz, der Predigt am Sonntag lauschen und dabei entspannt den Autositz nach hinten verstellen oder in einer Autodisco feiern bis die Autobatterie kapituliert. Angebote, bei denen der eigene fahrbare Untersatz im Fokus steht, sollen ausgebaut werden.

Die Initialzündung liefert die Corona-Krise und das damit einhergehende Abstandhalten zu den Mitmenschen. Versammlungsverbote inklusive. Egal ob Autokino, Autogottesdienst, Autokonzert oder Autodisco: die Initiatoren hoffen auf breite soziale Akzeptanz und hohes Interesse an diesen Angeboten. Noch ist die Auswahl der Möglichkeiten in Österreich zu vernachlässigen. Meist scheitert es an der Freigabe durch die Behörden oder an mangelndem Budget. Doch das könnte sich ändern.

Sicherheitszone statt Knautschzone

Was sich durch die Corona-Krise zweifellos intensiviert hat, ist das Image des Autos als eine Art Sicherheitszone, mit der das Coronavirus „ausgesperrt“ werden kann. Autofahrerclubs wissen: Die Nutzung des eigenen Autos kann die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 reduzieren. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel würde dagegen eine ungleich höhere Gefahr in sich tragen, mit dem pandemischen Virus angesteckt zu werden, heißt es.

Das sahen auch die politischen Entscheidungsträger in Österreich so und reagierten prompt. Das Auto wurde zu einer Mobilitätslösung ernannt, die den physischen Kontakt mit anderen Menschen reduzieren kann. Mitte März hatte die Stadt Wien die Kurzparkzonenregelung aufgehoben, in zahlreichen anderen österreichischen Städten war selbiges der Fall. Doch so schnell der Traum für zahlreiche Autofahrer wahr wurde, so schnell ist er auch wieder zerbrochen.

Seit Montag, den 27. April, streifen wieder Parksheriffs auf der Suche nach Parksündern durch die Straßen der Städte. Die Zeiten, wo flexibel in verschiedenen Bezirken geparkt werden konnte, sind vorerst Geschichte. Damit hat der Staat dem Auto als sicherstes Fortbewegungsmittel in Zeiten des Coronavirus ein gutes Stück weit aberkannt. Eingefleischte Autofahrer sehen sich aber auch weiterhin darin bestätigt, verstärkt aufs Gaspedal zu treten und die Öffis bei Möglichkeit aus dem Fahrplan zu streichen.

Die Rückkehr des Drive-In-Kinos

Totgesagte leben länger. Das trifft auch auf das Autokino zu. Während diese besonderen Freilichtkinos in Deutschland zumindest ein widerspenstiges Nischendasein fristen, sieht es hierzulande äußerst trist aus. Aktuell gibt es zwar Pläne, das bislang einzige Autokino Österreichs, in Groß-Enzersdorf bei Wien (Autokino Wien Center), wiederzubeleben, doch das Vorhaben könnte an der Freigabe durch die Behörden scheitern. Ebenso wird über ein Autokino am Urfahraner Jahrmarktgelände diskutiert und am VAZ-Freigelände St.Pölten, wo normalerweise das Frequency Festival stattfindet.

Die Corona-Krise bietet jedenfalls eine gute Basis für „kontaktlose“ Kinobesuche. Die Vorteile des Autokinos liegen auf der Hand. Es wird nicht nur möglich, den Sicherheitsabstand zu anderen Menschen einzuhalten, im eigenen Auto darf auch nach Lust und Laune während des Films geredet und gelacht werden; ja selbst der beherzte Griff in die raschelnde Chips-Packung wird keine bösen Blicke verursachen.

Im Gegensatz zu den USA konnte sich das Autokino in Europa aber niemals etablieren. Schuld an diesem Umstand sind aber nicht nur die engeren Platzverhältnisse. Der deutsche Schriftsteller Stephan Krass schreibt über das Autokino: „Der Illusionsraum eines mitteleuropäischen Kulturbürgers braucht vier stabile Außenwände und ein Dach, keinen weiten Horizont und Hot Dogs.“ Mit der Wiederbelebung des Autokinos könnte jedenfalls eine neue Nische für Einkünfte genutzt werden, hoffen die Befürworter dieser Idee. Dazu müsste das Image aber erst einmal entstaubt werden und der Umsetzung eine Chance gegeben werden. So wie im Fall des Autokinos in Groß-Enzersdorf. Auf einer Fläche von über 500 Quadratmetern und mehr als 1.000 Autostellplätzen würde auch ein großer Firmenfuhrpark gut Platz finden.

Sichere Fahrt mit Gottes Segen

Gottesdienste werden erst mit Mitte Mai wieder in den Kirchen abgehalten. Damit die Gläubigen dennoch den heiligen Worten lauschen können, zeigte sich eine evangelische Gemeinde im Südburgenland besonders erfinderisch. In Neuhaus am Klausenbach wurde zu einem Autogottesdienst geladen. Das Resümee der Veranstaltung: Der Drive-in-Gottesdienst wurde positiv aufgenommen, fasst Pfarrerin Virág Magyar zusammen. Mehr als einhundert Gläubige nahmen daran teil, berichtet das Bezirksblatt Jennersdorf. Doch das ungewöhnliche Setting war nicht der einzige Unterschied: statt der gewohnten Orgelmusik in der Kirche gab es Blasmusik. Selbst ein Traktor kam zur Messe an der frischen Luft angerollt.

Party im Fahrzeuginnenraum

Wird das vielleicht der neue Trend? In Deutschland wurden bereits Autodiscos abgehalten, hierzulande laufen gerade entsprechende Vorbereitungen. In St. Martin im Mühlkreis (Bezirk Rohrbach) soll es schon am kommenden Wochenende eine Autodisco geben, berichtet der ORF Oberösterreich. Der Bürgermeister gibt sich noch skeptisch. Etwa 250 Autos würden auf dem Areal Platz finden. Wie im Autokino soll die Musik soll über das Autoradio empfangen werden.

Nichts für schwache Batterien

„Maximal zwei Personen pro Fahrzeug sind erlaubt, die Autos dürfen auch nur in Ausnahmesituationen verlassen werden“, erklärt Projekt-Initiator Fabian Grüneis. Für schwache Blasen gilt, dass besser nicht zu viel getrunken wird, sonst wird der Gang zum Klo zu einem ungewollten Dauerlauf. „Wir bewerben auch, dass die Leute im besten Fall noch einmal zu Haus zur Toilette gehen sollen“. Unklar ist jedoch, ob Getränke von Kellnern zum Autofenster gebracht werden dürfen oder selbst mitgebracht werden müssen.

Etwas exzessiver ging es im deutschen Schüttorf in Niedersachsen zu. Auf einem Parkplatz wurde mit Bühne samt DJ eine Pyro-Show gefeiert. Laut den Veranstaltern war die Party schon nach einer Stunde ausverkauft. Auf das Gelände kamen die Besucher nur mit Karten aus dem Vorverkauf. Womit bereits eine der Hygienemaßnahmen genannt wird. Statt "Zeigt mir eure Hände!" forderten die DJs zu "Zeigt mir Eure Hupe" oder "Lichthupe" auf.

Glücklicherweise wurde die Veranstaltung in einem Industriegebiet abgehalten. Das Fazit der Veranstalter auch hier durchaus positiv, gerade was das Verhalten der Besucher anging. Doch extensive Konzerte mit der Lichthupe, dröhnende Musik über die Anlage und vielleicht sogar aktive Standheizung oder Klimaanlage lassen Autobatterien schnell schwächeln. Vor allem nach drei Stunden. Personal vor Ort gab im Notfall Starthilfe. Doch sollten Wartezeiten hier besser eingeplant werden.