Mobilitätswende : Experten sehen Österreich an einem Wendepunkt der Elektromobilität

Hans-Jürgen Salmhofer, BMIMI, Daniel Hantigk, E-Control, Sigrid Stagl, WU Wien, Hauke Hinrichs, SMATRICS, Philipp Wieser, AustriaTech

Hans-Jürgen Salmhofer, BMIMI, Daniel Hantigk, E-Control, Sigrid Stagl, WU Wien, Hauke Hinrichs, SMATRICS, Philipp Wieser, AustriaTech 

- © SMATRICS/Husar

Beim 9. SMATRICS E-Mobility Talk stand die weitere Entwicklung der Elektromobilität in Österreich im Mittelpunkt. Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Regulierung und Verwaltung sehen das Land auf Kurs und bewerten die nächsten Jahre als entscheidend für den weiteren Hochlauf. Im Fokus stehen dabei vor allem politische und regulatorische Rahmenbedingungen.

An der Diskussion nahmen Hauke Hinrichs (SMATRICS), Daniel Hantigk (E-Control), Hans-Jürgen Salmhofer (Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur), Sigrid Stagl (WU Wien) sowie Philipp Wieser (Österreichs Leitstelle für E-Mobilität/AustriaTech) teil. Nach Einschätzung der Experten hat die Technologie ihre Marktreife erreicht und der Ausbau von Fahrzeugbestand und Ladeinfrastruktur gewinnt weiter an Dynamik.

Österreich nähert sich 300.000 E-Pkw

Aktuelle Marktdaten zeigen laut SMATRICS, dass mittlerweile jeder 20. Pkw im Bestand elektrisch unterwegs ist. Im April 2026 war jeder vierte neu zugelassene Pkw batterieelektrisch, in Oberösterreich sogar jeder dritte. Österreichs Leitstelle für Elektromobilität erwartet im Sommer 2026 das Erreichen von 300.000 Elektro-Pkw sowie 40.000 öffentlichen Ladepunkten.

Philipp Wieser, Leiter der nationalen Leitstelle, rechnet damit, dass batterieelektrische Fahrzeuge im Jahr 2028 bei den Neuzulassungen Benzinfahrzeuge überholen könnten. Eine vollständige Elektrifizierung Österreichs sei bis 2032 möglich.

Ausbau der Schnellladeinfrastruktur schreitet voran

Besonders dynamisch entwickelt sich laut den Experten die Ultraschnellladeinfrastruktur. Österreich belegt hier nach Angaben von SMATRICS europaweit Rang drei. Von einer nationalen Ladeleistung von 2,4 Gigawatt entfallen rund 1,4 Gigawatt beziehungsweise 58 Prozent auf HPC-Ladepunkte. In vielen Bundesländern habe sich deren Anteil im Jahr 2025 mehr als verdoppelt.

Hauke Hinrichs, CEO von SMATRICS, sieht dennoch weiteren Handlungsbedarf. Herausforderungen bestünden insbesondere bei der Standardisierung von Netzanschlüssen, der Digitalisierung und den gestiegenen Netzentgelten. Diese seien in den vergangenen Jahren um 30 bis 50 Prozent gestiegen und erhöhten den wirtschaftlichen Druck auf Betreiber von Ladeinfrastruktur.

Wirtschaftliche Aspekte rücken in den Fokus

Für die Umweltökonomin Sigrid Stagl steht die volkswirtschaftliche Notwendigkeit der Mobilitätswende außer Frage. Entscheidend sei nicht mehr das „Ob“, sondern das „Wie“ der Transformation. Laut Stagl seien die Kosten eines verzögerten Klimaschutzes drei- bis fünfmal höher als jene einer frühzeitigen und gesteuerten Umstellung.

Sie verweist zudem auf klimaschädliche Subventionen in Österreich in Höhe von rund 5,7 Milliarden Euro jährlich. Der zusätzliche Investitionsbedarf für die ökologische Transformation wird auf 6,2 bis 10,9 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Die Umschichtung bestehender Mittel könne daher einen wichtigen Beitrag leisten.

Öffentliche Ladeinfrastruktur mit geringer Auslastung

Nach Angaben der E-Control wächst die öffentliche Ladeinfrastruktur derzeit im Gleichschritt mit dem Bestand an Elektrofahrzeugen. Im ersten Quartal 2026 wurden in Österreich 6,9 Millionen Stunden öffentlich geladen. Die Auslastung der Ladepunkte lag je nach Bundesland zwischen sieben und 19 Prozent.

84 Prozent der Nutzer greifen laut E-Control auf Ladekarten oder Ladeverträge zurück. Der Anteil der Ad-hoc-Ladevorgänge liegt seit Jahren konstant bei 13 Prozent. Ausbaubedarf sieht die Behörde vor allem bei der Sichtbarkeit und Beschilderung öffentlicher Ladepunkte.

„Die Entwicklung zur Elektromobilität wird mit oder ohne Regulierung stattfinden. Die entscheidende Frage ist, ob Europas Industrie davon profitieren kann und ihre Wettbewerbsfähigkeit behält“, sagt Hans-Jürgen Salmhofer vom Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur.

Die Diskussionsteilnehmer sehen die kommenden Jahre als entscheidend dafür, ob die Transformation mit ausreichender Geschwindigkeit und unter stabilen Rahmenbedingungen umgesetzt werden kann.