Elektromobiltät

So will die Schweiz mehr E-Autos unters Volk bringen

Die Schweiz verzichtet bewusst auf monetäre Fördermaßnahmen bei der Elektromobilität. Gleichzeitig wurde das ehrgeizige Ziel ausgerufen, den Stromer-Anteil im Jahr 2022 auf 15 Prozent zu erhöhen. Firmenwagen konnte ein Interview mit Herrn Volker Fröse, Stabschef für Verkehr beim Bundesamt für Straßen (ASTRA), zum aktuellen Stand führen.

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Firmenwagen: Sehr geehrter Herr Fröse, wie weit ist die Schweiz in Sachen Elektromobilität - Stichwort: Fahrzeugbestand und Lade-Infrastruktur? Kann man sich bald mit Norwegen messen?

Volker Fröse: Beim Fahrzeugbestand kann sich aktuell wohl kein Land mit Norwegen messen. Schauen wir uns den Stand von Ende 2018 an, dann sind Elektroautos in der Schweiz mit 0,42 Prozent Anteil am Fahrzeugbestand auf den ersten Blick eine Randerscheinung. Anders sieht die Veränderung bei den rein elektrischen Neuzulassungen aus.

Bei den Zuwachsraten der rein elektrischen Neuzulassungen haben wir es mit einer Steigerung von 229 Prozent zu tun - gesehen auf die Veränderung von Januar bis Ende September 2019 gegenüber des Vergleichsvorjahres. Da können wir es schon locker mit den umliegenden Ländern und sogar mit Norwegen aufnehmen. Zugegeben: Der Vergleich hinkt, denn "fantastische" Zuwachsraten sind in Norwegen angesichts des Bestands von über 50 Prozent und einem Anteil an den Neuzulassungen von fast 60 Prozent natürlich nicht mehr groß zu erwarten.

Firmenwagen: Woran könnte die von Ihnen beschriebene rasante Entwicklung liegen?

Volker Fröse: Dass wir hinsichtlich der rasant steigenden Verkäufe so gut dastehen, hat sicherlich mit einer hohen Kaufkraft der schweizerischen Bevölkerung zu tun. Und auch damit, dass die E-Autoanbieter das erkannt haben und die noch schlecht verfügbaren Autos gerne in der Schweiz verkaufen. Aber auch in Sachen Lade-Infrastruktur haben wir ziemlich Gas gegeben. Beinahe täglich eröffnen neue Ladestationen mit 150 kW Leistung und darüber.

Die Ladestation von Anbieter Ionity mit einer Ladeleistung von 350 kW nahe Luzern gehörte zu einer der ersten überhaupt von europaweit 400 Stationen. Heute gibt es acht solcher Stationen in der Schweiz. Hinzu kommen zahlreiche Ladestationen mit 50 bis 150 kW. Bereits entlang der Autobahnen entstehen derzeit weitere 100 Ladestandorte auf den unbedienten Rastplätzen, die mit den rund 50 bedienten Raststätten ein äußerst dichtes Netz ergeben werden. Alle diese Standorte werden für alle möglichen Steckertypen ausgerüstet sein. Das haben wir schon früh so vorbereitet.

Firmenwagen: Die Schweiz verzichtet auf monetäre Fördermaßnahmen und setzt stattdessen auf freiwillige Maßnahmen bei der Elektromobilität. Wie wird der Bürger zum überzeugten E-Autofahrer? 

Volker Fröse: Das allerwichtigste sind Autos, die überzeugen, die Spaß machen und Emotionen wecken. Unpraktische, teure und - verzeihen Sie den Ausdruck - „hässliche“ Autos verkaufen sich kaum - auch nicht mit staatlichen Subventionen - und ganz egal, welcher Motor sie antreibt. Nehmen wir Tesla als Beispiel: Die Qualität der Verarbeitung ist gegenüber anderen Fahrzeugen dieser Klasse am unteren Ende angesiedelt.

Die Wartezeiten von der Bestellung bis zur Auslieferung sind teils sehr lang und um unter den ersten zu sein, musste man sogar eine Anzahlung leisten, von der man nicht wusste, ob das Fahrzeug überhaupt kommen wird. Doch Autos wie Tesla wecken eben Emotionen. Sie sehen gut aus, sind schnell, vermitteln ein Gefühl von Fortschritt und "Coolness". Da war es ziemlich egal, was diese Autos kosten und wie umständlich das Laden war. Sie wurden verkauft und wenn Sie sich in Bern, Zürich oder Genf an die Straße stellen, dauert es keine fünf Minuten, bis ein Tesla "vorbeistromert".

Firmenwagen: Das unterschreibe ich gerne. Während dem Genfer Autosalon im März konnten wir sogar einige Tesla-Fahrer auf den Straßen der Stadt erspähen...

Volker Fröse: Klar, den "Coolness"-Faktor können wir als Staat nicht beeinflussen. Auch nicht mit Kaufprämien. Was wir aber beeinflussen können, sind die Rahmenbedingungen - zum Beispiel die Anzahl öffentlicher Ladestationen. Da sind wir dran - einerseits was den Ausbau angeht und andererseits die Ausrüstung mit allen gängigen Steckertypen. Wir haben schon früh eine „diskriminierungsfreie“ Ausrüstung gefordert. Diskriminierungsfrei hinsichtlich Steckertyp, Ladestärke und Anzahl sowie Abrechnung beziehungsweise Bezahlung. Aber wir waren auch aktiv im Bausektor: Bis zu einer Norm dauert es oft viele Jahre, doch mittlerweile existiert ein Merkblatt, das quasi eine freiwillige Norm darstellt und die Vorstufe zu einer verbindlichen Norm ist.

Darin wird festgehalten, was zu tun ist, um neue Gebäude auf Elektroladestationen vorzubereiten. Das ist enorm wichtig, denn diese stehen dann 50, 100 oder mehr Jahre, und gerade in den ersten Jahren ist die Lust der Eigentümer sehr gering, nachträglich für Ladestationen Geld auszugeben. Und wir wissen, wie schwierig es ist, in bestehende Gebäude Ladestationen zu bauen: Hier haben wir mit der Industrie Wege gesucht und gefunden, wie Nachrüstungen nachhaltig und kostengünstig realisierbar sind. Zum Beispiel mit Lastenmanagement oder einer Photovoltaikanlage, womit ein Ausbau der Hausleitung entfällt.

Firmenwagen: Das klingt ziemlich liberal - oder sehe ich da falsch? 

Volker Fröse: Ein wichtiger Faktor erscheint mir, nicht missionarisch unterwegs zu sein. Wer heute noch kein Elektroauto kaufen will oder kann, den werden wir auch mit den besten Argumenten und mit Fördermitteln nicht überzeugen. Eine fünfköpfige Familie fährt mit einem Renault Zoé einfach nicht gerne zum Einkaufen und schon gar nicht in die Ferien. Da helfen die besten Argumente nichts.

Also fokussieren wir auf jene, die nur noch einen kleinen Impuls brauchen, um den Entscheid für ein Elektroauto zu fällen, bei denen alle Rahmenbedingungen passen. Und diese Rahmenbedingungen entwickeln wir laufend für ein breiteres Publikum. Stimmen nämlich diese Rahmenbedingungen, dann wird sich nach der ersten Welle von Enthusiasten auch die breite Masse vom Elektrofieber anstecken lassen.

Firmenwagen: Wie sieht das weitere Vorgehen aus?

Volker Fröse: Wir haben dazu im Dezember 2018 die „Roadmap Elektromobilität 2022“ lanciert. Wir arbeiten intensiv mit allen beteiligten Branchen daran, dass bis 2022 15 Prozent der Neuzulassungen einen Stecker - und idealerweise keinen Verbrennungsmotor - mehr haben. Bis heute haben sich über 50 Organisationen angeschlossen und über 70 Maßnahmen lanciert. Der Anteil an "Steckerfahrzeugen" lag bis Ende des dritten Quartals 2019 bei fast fünf Prozent. Die insgesamt 5024 verkauften Elektroautos 2018 haben wir mit 5909 Stück bereits im ersten Halbjahr 2019 überholt.

Derzeit stehen wir bei 8755 neu zugelassenen Elektroautos bis Ende des dritten Quartals. Wir nehmen an, dass die Verkaufszahlen im letzten Quartal nochmals anziehen, auch damit die Importeure die CO2-Zielwerte besser erreichen. Damit werden wir das Vorjahresergebnis mehr als verdoppeln. Mit den Modellen, die nächstes Jahr neu auf den Markt kommen, gehen wir von einem weiterhin rasanten Wachstum aus.

Firmenwagen: Wo gibt es noch Handlungsbedarf beziehungsweise Potenziale, die der E-Mobilität dabei helfen, stärker in die Gänge zu kommen? 

Volker Fröse: Es braucht noch sehr viel Aufklärung. Nicht nur bei den Endverbrauchern, sondern zum Beispiel bei den Autohändlern, die neuerdings Elektroautos verkaufen müssen, weil der Konzern das so will - und das, obwohl sie mit diesen Autos kaum etwas verdienen. Weder beim Verkauf noch in der Werkstatt. Aufklärung braucht es daher zum Beispiel im Hinblick auf neue Mobilitätsdienstleistungen, die es dem Händler erlauben, auch weiterhin zu existieren.

Es braucht Aufklärung bei den Liegenschaftsbesitzern, für die die Anfrage eines Mieters zur Installation einer Ladestation vor allem erst einmal Arbeit bedeutet und zwar in einem Gebiet, in dem er sich nicht auskennt. Dann müssen wir als staatliche Institution die Flottenbetreiber überzeugen - und das am besten mit guten Autos, die zum Anforderungsprofil der Firma passen.

Doch diese Autos kommen oft erst zwölf bis 24 Monate später. Es braucht aber auch Mobilitätskonzepte, die es den Nutzern so einfach wie möglich machen. Man kann dem Kunden nicht eine Wallbox in den Kofferraum des neuen Elektroautos legen und ihn dann selbst nach einem geeigneten Elektriker suchen lassen.

Und schließlich müssen wir international bei den Abrechnungen für die Ladungen noch besser werden. Hier dürfen nicht die gleichen Fehler passieren wie beim Roaming im Mobilfunkbereich. Wenn wir es letztlich noch schaffen, dass endlich die Wahrheit über Batterieproduktion, CO2-Gesamtbilanz und Recycling verbreitet wird, dann wird die Elektromobilität rasant Fahrt aufnehmen.

Firmenwagen: Herr Fröse, herzlichen Dank für das Interview!

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