Motoröl

Mineralisch, synthetisch oder vollsynthetisches Motoröl?

Motoröl hat sich vom einfachen Schmierstoff zu einem High-Tech-Produkt mit Motorölzusatz entwickelt. Gleichzeitig ist die Zahl der Ölsorten stark angestiegen. Worauf es ankommt, erfahren Sie hier in zwei Interviews.

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Kennen Sie noch die TV-Familie Ludolf auf Kabel Eins? In einer Folge sollten zwei Protagonisten allein durch den Geschmack erkennen, welches Alter ein Motoröl hat. Klingt ganz schön phantastisch – und ist es auch. Von gesundheitlichen Bedenken einmal abgesehen. Vielleicht sagen Ihnen Begriffe wie Motoröl 5w40, Motoröl 5w-30 oder Motoröl 10w40 etwas, doch um gerade Laien einen Überblick zu geben, was sich in Sachen Motoröl so tut, hat sich FIRMENWAGEN mit zwei Experten unterhalten: Oliver Kuhn, stellvertretender Leiter des Öllabors bei Liqui Moly und TU-Professor Bernhard Geringer, Vorstand des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik.

FIRMENWAGEN: Herr Kuhn, was für Motoröle gibt es am Markt?

Oliver Kuhn: Motoröle lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: mineralische und synthetische Öle. Mineralische Öle verlieren immer mehr an Bedeutung für Autos, weil sie nicht so leistungsstark sind. Moderne Motoren verlangen dem Öl viel mehr ab als alte Motoren. Diese Anforderungen schaffen nur synthetische Öle.

FIRMENWAGEN: Also sind synthetische Öle die besseren Motoröle?

Oliver Kuhn: Ja, aber man kann auch ein mineralisches mit einem synthetischen Öl vermischen. Solche teilsynthetischen Öle spielen aber eine immer kleinere Rolle im Markt, weil auch hier die Leistung wegen des mineralischen Anteils nicht hoch genug ist.

FIRMENWAGEN: Aber dann sind wenigstens alle synthetischen Öle ähnlich?

Oliver Kuhn: Leider auch nicht. Es gibt zwei verschiedene Arten, wie synthetische Öle hergestellt werden können. Bei der einen Art erhält man am Ende ein sogenanntes PAO-Öl. Das ist das klassische synthetische Öl, wie es in den 1970er Jahren auf den Markt kam. Es ist chemisch sehr rein und damit sehr leistungsstark, aber auch sehr teuer in der Herstellung. Bei der anderen Art wird das Öl durch sogenanntes Hydro-Cracking hergestellt, weswegen diese Öle im Fachjargon auch HC-Öle genannt werden. HC-Öle sind moderner und kamen in den 1990er Jahren auf. Sie bieten heute die bestmögliche Motorölqualität und Leistung für alle modernen Motoren.

FIRMENWAGEN: Sollte besser PAO-Öl oder HC-Öl beim nächsten Motorölwechsel genommen werden?

Oliver Kuhn: Diese Wahl gibt es oft gar nicht. Fast die gesamte Ölentwicklung findet heutzutage auf der Basis von HC-Ölen statt. Viele Spezifikationen können nur mit HC-Ölen erfüllt werden.

FIRMENWAGEN: Woran erkenne ich, um was für ein synthetisches Öl es sich handelt?

Oliver Kuhn: Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt hier keine einheitlichen Begrifflichkeiten. In den USA zum Beispiel dürfen sowohl PAO-Öle als auch HC-Öle als vollsynthetisch bezeichnet werden, bei uns in Deutschland aber nur PAO-Öle. Deswegen kennzeichnen wir unsere HC-Öle mit dem Begriff „Synthese Technology“. Andere Ölhersteller verwenden Begriffe wie „100% synthetic“ oder „synthetic mix“, wo nicht klar ist, was damit gemeint ist. 

FIRMENWAGEN: Gar nicht einfach, dass der Kunde hier den Durchblick behält.

Oliver Kuhn: Stimmt. Aber die Frage, welches synthetische Öl es nun tatsächlich ist, ist für Autofahrer und Werkstätten im Grunde egal. Es geht nicht darum, welches Öl vermeintlich besser ist. Entscheidend ist, dass das Öl die Spezifikationen erfüllt, die der Autohersteller für sein Modell vorgibt. Auch die Autofahrerclubs raten dazu, nicht groß zu experimentieren, sondern sich an die Vorgaben der Hersteller zu halten. Der Ölwechsel in der Werkstatt (altes Öl ablassen) beim Service oder das Ölfilter wechseln gehört ohnehin zum Standardprogramm. 

FIRMENWAGEN: Aber wenn die Spezifikation stimmt, ist es egal, ob es ein PAO-Öl oder ein HC-Öl ist?

Oliver Kuhn: Richtig. Ohnehin kommt den Additivpaketen eine immer größere Bedeutung zu. Heute sind Motoröladditive der wichtigste Bestandteil eines Motoröls neben dem eigentlichen Öl. Sie sind es, die für einen großen Teil der Leistung des Motoröls sorgen. Bei einigen ganz modernen Motorölen ist das eigentliche Öl kaum mehr als nur noch die Trägerflüssigkeit für die Additivpakete.

FIRMENWAGEN: Warum gibt es dann immer wieder Diskussionen darüber, welches synthetische Öl das bessere ist?

Oliver Kuhn: Das ist ein Echo aus der Vergangenheit. Als die ersten HC-Öle vor 30 Jahren aufkamen, war der Qualitätsunterschied zu PAO-Ölen noch größer. Aber das ist lange her. Kein Experte würde heutzutage eine solche Diskussion führen.

Environmental Portrait, IFA 2, Institut für Fahrzeugantrieb und Automobiltechnik, Klaus Ranger Fotografie, Portraitaufnahmen, TU Wien, Technische Universität Wien © Klaus Ranger

Prof. Geringer: "In absehbarer Zeit wird es noch immer einen hohen Anteil an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren geben - zum Beispiel in Hybridfahrzeugen."

FIRMENWAGEN: Herr Professor Geringer, wie steht es aktuell um die Forschung von Motorölen. Mittlerweile ist das Öl vielmehr Träger der Additivpakete. Wo wird aktuell in diesem Bereich geforscht?

Prof. Geringer: Der Trend geht eindeutig in Richtung weniger viskoser Öle, um die Reibung im Motor und damit die CO2-Emission zu senken. Hierzu wurde sogar vor nicht langer Zeit eine neue Viskositätsklasse genormt, die „0W-16“-Additive sind immer nur Zugaben in relativ kleiner Menge – aber mit großer Wirkung. Hauptteil des Motoröls ist das mineralische oder auch teil-/vollsynthetische Öl.

FIRMENWAGEN: Worauf muss bei der Wahl des richtigen Motoröls geachtet werden? 

Prof. Geringer: Der Kunde muss die vom Hersteller freigegebenen Öle verwenden, dabei geht es um viele Kriterien, zum Beispiel die richtige Viskositätsklasse, die aschearme Verbrennung, Stabilität gegen Versäuerung und vieles mehr. Wegen der immer weiter steigenden Anforderungen an Motoren (Leistung, Haltbarkeit, Schadstoffverhalten etc.) werden auch die Anforderungen an die verwendeten Öle immer höher. Deshalb erfolgt – parallel zur Motorentwicklung, der Dauererprobung und Serienfreigabe auch immer eine aufwändige Motorölfreigabe. Deshalb dürfen wirklich nur für den jeweiligen Motor freigegebene Öle verwendet werden. Dies geht bei Höchstleistungsmotoren oft soweit, dass der Motorhersteller eigene Öle dafür entwickeln lässt.

FIRMENWAGEN: Wirkt sich das Motoröl mit seinen Additiven auf die Leistung des Motors maßgeblich aus?

Prof. Geringer: Auf die Leistung im Höchstleistungspunkt hat das Motoröl einen marginalen Einfluss, hier ist es aber essentiell, dass es die richtigen Eigenschaften hat um Schäden am Motor zu vermeiden. Hingegen hat das Öl im Alltagsbetrieb einen maßgeblichen Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch.

FIRMENWAGEN: Warum spielen teilsynthetische Motoröle keine so große Rolle mehr, wie vollsynthetische? Haben diese besondere Eigenschaften oder liegt es an etwas anderem?

Prof. Geringer: Grundsätzlich ist die Unterscheidung von teil- zu vollsynthetischen Motorölen eher akademisch. Nicht die Herstellung, sondern die Eigenschaften des Öls – gemeinsam mit den Additiven – sind entscheidend. Einen großen Einfluss hat die Viskositätsänderung in Abhängigkeit von der Temperatur. 

Ideal wäre keine Änderung bei den üblichen Temperaturen: dann wäre die Reibung gering aber ebenso die Tragfähigkeit der Lager gegeben. Real gesehen ändert sich die Viskosität - zum Beispiel bei niedrigen Temperaturen und damit steigt entweder die Reibung oder eben die Tragfähigkeit bei gegebener Lagerauslegung. Hier haben teil- und insbesondere vollsynthetisch hergestellte Öle Vorteile. Gerade in Zeiten der Suche nach CO2-Einsparungen.

FIRMENWAGEN: Können eigentlich Schäden durch die Verwendung von falschem Motoröl entstehen? 

Prof. Geringer: Es kann zu Schäden kommen, wenn das Öl nicht ausreichend tragfähig ist. Das Öl ist an vielen Stellen das kraftübertragende Medium und muss verhindern, dass die Metallteile aneinander reiben. Andernfalls kommt es zu stark erhöhtem Verschleiß. 

Außerdem ist es wichtig, dass gewisse Additive in der richtigen Konzentration vorhanden sind um zum Beispiel die Auswirkungen des Rußeintrags über die Dauer des vorgeschriebenen Wechselintervalls unkritisch zu machen. Falsches Öl begünstigt daher einen hohen Verschleiß (z.B. Motorölfilter) höheren Verbrauch und im Extremfall sogar Motorschäden aufgrund von Lagerschäden oder Kolbenfressern.

FIRMENWAGEN:  Wohin wird die Reise mit dem Motoröl Ihrer Meinung nach gehen? Das Elektroauto verändert den Automarkt über die Jahre gesehen, selbst wenn der Altbestand an Verbrennern noch sehr groß ist. Müssen sich die Hersteller von Motoröl schon Sorgen machen?

Prof. Geringer: In absehbarer Zeit wird es noch immer einen hohen Anteil an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren geben - zum Beispiel in Hybridfahrzeugen. Bei diesen ist eine hohe Effizienz gefordert und hierzu leistet das Motoröl einen maßgeblichen Beitrag. Durch Hybride ergeben sich auch neue Anforderungen an das Motoröl, zum Beispiel durch den häufigen Kurzbetrieb des Verbrennungsmotors.

Auch wird aus aktueller Einschätzung gerade der Transportsektor weiter auf Verbrennungsmotoren und Turbinen wesentlich aufbauen (Schiffe, Flugzeuge, Busse und Lkw). Damit wird weiter Motoröl benötigt. Eine zusätzliche Schiene tut sich mit sogenannten E-Fuels auf: nachhaltig hergestellte Kraftstoffe. Diese sind CO2 neutral und verwenden Verbrennungsmotoren oder Turbinen.