Hessel Kaastra im Interview

"Klassisches Flottenmanagement wird weiterhin sehr bedeutsam sein"

Den Autotesttag der Fachzeitschriften "firmenwagen" und INDUSTRIEMAGAZIN hat Florian Zangerl, Geschäftsführer WEKA Industrie Medien GmbH, zum Anlass genommen, mit dem neuen LeasePlan Österreich-Geschäftsführer Hessel Kaastra über den Markt, die Veränderungen in der Mobilitätswelt und daraus resultierende Chancen für Flottenmanagementunternehmen zu sprechen.

Hessel Kaastra ist seit März dieses Jahres Geschätsführer von LeasePlan Österreich

Die Automobilbranche steht zurzeit unter hohem Druck. Einerseits geht der Trend ganz stark vom Besitzen hin zum Nutzen. Das sieht man deutlich an den vielen Sharing-Modellen, die seit einigen Jahren aus dem Boden sprießen und vor allem in den Städten gut angenommen werden. Andererseits gibt es noch die Diskussion über die Zukunftsfähigkeit des Verbrennungsmotors – insbesondere des Diesels – und auch die der E-Autos. Was ist Ihre persönliche Einschätzung – handelt es sich hierbei um Trends oder tatsächlich um einen Paradigmenwechsel, den wir gerade live erleben?

Es hängt sehr stark davon ab, in welchem Zweig der Automobilbranche man tätig ist. Für Flottenmanagementunternehmen ist der Wechsel von Verbrennungsmotoren zu EV oder gar zu Wasserstoff weniger aufwändig als für Erstausrüster, die ihr technisches Know-how und ihr Supply Chain Management komplett neu organisieren müssen. Die Umstellung auf Carsharing ist wiederum für Flottenmanagementunternehmen, die es gewohnt sind, mit langfristigen Verträgen zu arbeiten, eher umständlich. Für Erstausrüster ist das weniger ein Thema.

Welche Auswirkungen haben diese Trends auf Fuhrparkmanager wie LeasePlan? Merken Sie diesen Paradigmenwechsel auch im klassischen Flottenmanagement und was ist Ihre Antwort darauf?

Ich glaube, dass einige der größeren Trends echte Chancen für Flottenmanagementunternehmen sind, wie etwa der Übergang vom Besitzen hin zum Nutzen. Der Autoleasingmarkt ist im vergangenen Jahr um 10 Prozent gewachsen, was vor allem auf diese Entwicklung zurückzuführen ist. Die gemeinsame Nutzung von Autos bedeutet aber auch, dass wir unseren Mehrwert für die Kunden überdenken müssen. Flexible Produkte wie „FlexiPlan“, bei dem unsere Kunden Mietverträge On-Demand für eine Dauer von 1 bis 24 Monaten abschließen können, haben wir bereits auf den Markt gebracht. In Zukunft werden wir auch weitere Carsharing-Modelle für Unternehmen ermöglichen.

Sie sagen, Unternehmen wollen flexibler sein und Fahrzeuge in vielen Fällen schon heute nicht mehr besitzen, sondern einfach nur nutzen. Wann lohnt sich klassisches Fuhrparkmanagement noch?

Ich denke, dass das klassische Flottenmanagement – trotz Carsharing – weiterhin sehr bedeutsam sein wird. Insbesondere für Nutzer mit hoher Fahrleistung gibt es keinen wirklichen Spielraum für Carsharing. Man darf nicht vergessen, dass Firmenwagennutzer im Durchschnitt eine viel höhere Reichweite haben als Privatverbraucher. Darüber hinaus liegt der Schlüsselwert des Flottenmanagements ohnehin nicht in langfristigen Verträgen, sondern in der Fähigkeit, Dienstleistungen für Fahrer und Flottenmanager zu verwalten. Dies kann entweder mit einem langfristigen Vertrag oder mit mehreren kurzfristigen Verträgen erfolgen.

Lease Plan hat erst kürzlich eine Untersuchung zum Thema E-Mobilität in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse aktuell vorliegen. Ist Österreich eine EV-freundliche Nation? Wie ist Ihre Erfahrung, auch im Vergleich zu anderen Ländern?

LeasePlan hat im EV Readiness Index mehrere Faktoren erfasst: Das Ausmaß an  staatlichen Subventionen und Steuerbegünstigungen, die vorhandene EV-Infrastruktur und die allgemeine Verfügbarkeit von EV im jeweiligen Land. Vor allem Österreich schneidet beim ersten Punkt sehr gut ab. Die Mehrwertsteuer ist für normale Personenkraftwagen nicht abzugsfähig, für EV aber vollständig absetzbar. Dadurch wird die Total Cost of Ownership für langfristige Verträge mit hoher Fahrleistung zugunsten von EV deutlich reduziert. Zum Beispiel sind heute ein Hyundai Ioniq oder Tesla Modell 3 eine ökonomischere Wahl als vergleichbare ICE-Fahrzeuge, wenn sie 48 Monate geleast werden und 30.000 km pro Jahr fahren. Bei der Infrastruktur schneidet Österreich relativ gut ab, aber in Wirklichkeit ist es natürlich noch ein langer Weg. Die neuesten E-Modelle haben schon heute eine Reichweite von bis zu 500 km, so dass die Ära der „Entfernungsangst“ definitiv hinter uns liegen sollte. Ich selbst fahre seit 2013 elektrisch und musste noch nie eine leere Batterie in Kauf nehmen.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis Elektroautos anteilig Fahrzeuge mit Diesel- oder Benzinmotoren auf der Straße überholen?

Das ist die Millionen-Dollar-Frage, und wenn ich eine Kristallkugel hätte, würde ich es Ihnen gerne sagen. Die Realität bei solchen Entwicklungen ist, dass sie zunächst viel langsamer verlaufen, als Experten sagen, und nach einer Weile viel schneller erfolgen, als es von Experten erwartet wird. Derzeit befinden wir uns noch in der „viel langsameren“ Phase, aber wir wissen auch, dass sich die Technologie schnell entwickelt und 2020 viele neue EV-Modelle auf den Markt kommen werden. Der Wendepunkt könnte also durchaus bald eintreten.

Herr Kaastra, Sie haben im März die Geschäftsführung von LeasePlan Österreich übernommen. Wenn man sich Ihren Lebenslauf ansieht, erkennt man schnell, dass Österreich nicht Ihr erster Auslandseinsatz ist. Sie waren bereits Geschäftsführer von LeasePlan Mexiko und haben zuletzt die LeasePlan Insurance mit Sitz in Irland geleitet. Sie selbst sind in den Niederlanden geboren. Was unterscheidet Österreich von den Ländern, die Sie bereits kennen?

Generell bin ich immer wieder beeindruckt, wie viele Gemeinsamkeiten unterschiedlichste Länder haben. Die Automobilindustrie in Österreich steht vor ähnlichen Herausforderungen wie überall sonst auf der Welt. Nach Gesprächen mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern stelle ich fest, dass auch die Gesprächsthemen auf der ganzen Welt sehr ähnlich sind. Natürlich hat Österreich einen typisch regionalen Charakter. Bis jetzt habe ich die österreichische Geschäftskultur als eine Mischung aus Südeuropa – wo gute Beziehungen sehr geschätzt werden – und Nordeuropa – wo sachliche, direkte Kommunikation die Regel ist – erlebt.