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Coronavirus: Der Genfer Autosalon wird virtuell

Ein Virus zeigt Europas wichtigster Autoshow soeben die Grenzen auf. Die Tore bleiben für Besucher geschlossen. Zahlreiche Automobilhersteller streamen ihre Fahrzeugpräsentationen stattdessen über das Internet. Ist das bereits der Ausblick auf die Zukunft? Ein Kommentar.

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Aktuell könnte es die Automobilindustrie nicht schwerer haben - und ihre Automobilmessen. Nicht nur ist seit geraumer Zeit die Marktlage für die Automobilhersteller global gesehen äußerst schwierig - Stichwort: sinkende Nachfrage und schwächelnde Absatzzahlen -, es machen auch die Klimavorgaben weiter Druck, und nun kommt noch ein Virus dazu, der den Automessen einen gehörigen Strich durch die Rechnung macht.

Zwei prominente Beispiele sind die Autoshow in Shanghai (Auto China), die wohl wichtigste des weltgrößten Automarkts, und der Genfer Autosalon, der für gewöhnlich den Auftakt in ein neues Autojahr in Europa darstellt. Die Erste wurde verschoben, die Zweite für Besucher komplett abgesagt. Beide Shows aufgrund des Ausbruchs von "Covid-19", dem Coronavirus. Experten mahnen zwar zur Vorsicht, warnen aber auch vor übertriebener Panikmache und Hysterie, die sich etwa in Hamsterkäufen von Konserven, Nudeln oder Atemschutzmasken manifestiert.

Manche sehen die Weltwirtschaft bereits mit dem Coronavirus infiziert, andere erleben die Auswirkungen als intensiv aber durchaus überschaubar. Gehen sogar von einem relativ raschen Abflachen mit geringen Folgeschäden aus. Aber das wird sich wohl erst in den kommenden Wochen weisen. Vielmehr hat das große Rätselraten begonnen. Das hat es wohl auch für den Genfer Autosalon, von dem wir im vergangenen Jahr noch vor Ort berichten konnten. Nun wurden die Zelte aber ungewollt früh abgebrochen, das Risiko von Ansteckungen sei nach Ansicht der Schweizer Regierung bei einer Großveranstaltung wie dieser einfach zu hoch.

Im Normfall wäre insgesamt mit bis zu 600.000 Besuchern zu rechnen gewesen. Vorsicht ist sicherlich besser als Nachsicht, aber es muss durch den vorzeitigen Abbruch auch mit hohen Folgekosten gerechnet werden. Diese werden in den kommenden Wochen bewertet. Doch was ist eigentlich mit all den neuen Fahrzeugen, die in Genf von neugierigen Besuchern belagert worden wären? 

Zahlreiche Automobilhersteller haben entschieden, dass die Neuwagen einfach virtuell die Hüllen fallen. Auf diese Weise lassen sich eine Vielzahl an Menschen vor dem Virus geschützt über die Bildschirme erreichen. Corona-Ansteckung gleich null, die Messetore bleiben verschlossen. Bequem ist es vom Sofa aus auch noch und es kostet obendrein keinen Eintritt. Doch ist das bereits ein Vorgeschmack darauf, was die Zukunft bringen wird? Werden die großen Automessen tatsächlich schrittweise eingestampft und zeigen die Hersteller stattdessen in kleinem Rahmen und zeitlich unabhängig voneinander, was das Portfolio aktuell zu bieten hat - vorzugsweise virtuell? 

Zugegeben, ganz neu sind diese Überlegungen nicht. Vom mobilen Pop-up-store im Einkaufszentrum bis hin zu Live-Übertragungen über die Sozialen Kanäle haben die Hersteller bereits einige Möglichkeiten, die neuesten Fahrzeuge publik zu machen und Kosten einzusparen. Das Fehlen von immer mehr Ausstellern verweist auf einen Negativtrend hinsichtlich großer Automessen. Genf ferngeblieben sind in diesem Jahr zum Beispiel Ford, Opel, Citroën und Peugeot. Bereits im vergangenen Jahr mussten die leeren Ausstellungsflächen mit Tunern und Oldtimern besetzt werden.

In diesem Jahr wird das nicht anders ausgesehen haben. Doch das ist jetzt auch egal: Sollte der Genfer Autosalon den aktuellen Entwicklungen trotzend noch lange Bestand haben, dann wird die 90. Auflage hoffentlich die kürzeste von allen gewesen sein und der Coronavirus im nächsten Jahr keine Rolle mehr spielen, weil es einen Impfstoff gegen ihn gibt. Und selbst wenn es für die Automobilhersteller virtuell gehen würde, die Atmosphäre einer Autoshow lässt sich nur live vor Ort erleben.